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Autor Thema: Die Pfeilspitze (gestückelt)  (Gelesen 10796 mal)
Nimue
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« am: Mo, 02. April 2012, 21:43 »

Nun ja, ich war grad (wiedermal) etwas verwirrt, weil ich mein Vorhaben diese Kurzgeschichte hier zur Begutachtung zu stellen, scheinbar doch nicht umgesetzt hatte...vermutlich hat mich wieder was/wer abgelenkt. Schlimme Sache das ^^

Jedenfalls teile ich die Geschichte aufgrund ihrer Länge (selbst Kurzgeschichten wollen ein paar Worte ihr Eigen nennen) in voraussichtlich 5...vielleicht 6 Teile.
Würde mich freilich über Meinungen freuen. Positiv und Negativ.  :-)

Die Geschichte ist trotz der Kürze sehr tiefschichtig und zunächst gewiss verwirrend. Wenn euch Teil 1 nicht so zusagt, gebt ihr vielleicht mit Teil 2 noch eine Chance, weil sich der Kontext eventuell erst im Verlauf für euch erschließt...ach ich weiß auch nicht^^

Guckts euch einfach mal an... Viel Spaß !



Die Pfeilspitze - Teil 1

Was heißt Wahrheit? Wo endet echte Erinnerung und wo beginnt die Phantasie? Welchen Beitrag leisten unzählige Stunden in tiefster nächtlicher Dunkelheit? Zerfressen sie träge und stetig das, was einst wirklich geschah? Aber sind Details so wichtig?
Es ist ein bisschen wie mit Namen. Ist es wirklich relevant, ob eine Person in einer Geschichte nun John, Jared oder Jakob hieß? Es ändert den Lauf der Dinge nicht – es ist nicht wichtig. Aber es ist da – und es kann falsch sein. Wenn Jakob nun nicht der Held war, sondern der Bösewicht, der den Helden, vielleicht ja Jared, ins Elend stürzte, dann verändert sich die Sympathie grundlegend. Aber letztlich spielt es keine Rolle.
Was ich sagen möchte ist: Jede Geschichte erleidet ein Quäntchen Unwahrheit, sei sie herbeigeführt durch romantische Verklärung, durch den schleichenden Schwamm der Zeit oder etwa durch den einfältigen Willen, etwas durch Beigaben zu verschönen, was nicht geschönt werden müsste.
So möchte ich also mit dem erinnerten Moment beginnen, der mich zu einer Geschichte und zu meiner Wahrheit führte.

In dem Moment wo ich die grausige Narbe sah, veränderte sich etwas in mir. Ich war in weit reichender Harmonie aufgewachsen, hatte die ganzen typischen Kindheitsunfälle übersprungen, wähnte mich in einer sicheren Welt, in einem sicheren Körper, in einer gewaltigen Schutzzone.
Diese Narbe aber - auf der Brust meines besten Freundes - zeuge von etwas, dass ich nicht kennen gelernt hatte. Was war ihm geschehen, dass er dieses furchtbare Unglück auf seinem kindlichen Körper trug? Ich wollte nichts weiter, als den Grund für diesen tiefroten Strich über seinem Herzen in Erfahrung bringen.
Unsere Freundschaft wurde eine andere. Er hatte einen Makel, ich nicht. Er hatte etwas Grausiges überlebt und ich nicht – ich hatte nur Glück. Er war besser, als ich. Er zog mit seiner Familie weg – ich nicht. Damals war ich 12 und hasste mich für meine Feigheit, ihn nicht gefragt zu haben. Ich hasste mich dafür, dass ich unsere Freundschaft durch meine dumme Reaktion gefährdet hatte. Und ich hasste ihn, weil er mir keine Chance gab, ihn noch zu fragen. Er verzog sich einfach und ich fand das unglaublich schäbig von ihm. Elender Feigling, der er war, ging er mir aus dem Weg und ließ mir nicht die Zeit, die ich brauchte, um die richtigen Worte und den passenden Moment zu finden. Die Chance war vertan.

Aber mein Leben lief weiter.
Ich wechselte die Schule, machte mein Abitur, fand haufenweise neue Freunde und verlor sie wieder aus den Augen. Mit den Jahren gewöhnt man sich an diesen Schwund. Dann ließen sich meine Eltern scheiden. Ich war grad in den Abiturprüfungen und fand das alles ziemlich lächerlich von ihnen. Wie konnten erwachsene Menschen nur so pubertär und unreif miteinander umgehen? Mir wäre das natürlich nicht passiert. Ich machte alles besser. Logisch. Als meine Familie sich selbst überlebt hatte und meine Mutter für ein paar Jahre – sie müsse sich selbst finden – zu ihrer Schwester nach Schweden gehen wollte, ergriff ich die Chance und zog aus. Studieren wollte ich eigentlich gar nicht, aber nach ein paar gelangweilten Bewerbungen, wurde ich tatsächlich angenommen. Und was konnte es schon schaden, auf Staatskosten ein paar Semester Geschichte zu studieren? Also zog ich um und stürzte mich ins Studium – zumindest in den Teil, der nach 22:00 begann. Meine Vorlesungen, so ich mich überhaupt eingeschrieben hatte, verschlief ich meistens – und es war mir egal. Spannend waren dagegen meine ersten Erfahrungen mit Alkoholexzessen und Drogen; gemischt natürlich. Ich hatte das Gefühl, die letzten 19 Jahre unter einer trüben Glaskuppel gefristet zu haben und nun endlich alles nachholen zu können, was die Welt „da draußen“ zu bieten hatte. Mit 25 war ich das erste Mal im Krankenhaus. Also nicht zum ersten Mal insgesamt, aber der Grund hatte Premiere. Scheinbar hatte wohl das LSD nicht so recht mit den lustigen kleinen Pillen harmonieren wollen, die ich auf dem Klo für ne kurze Nummer getauscht hatte. Ja, Sex spielte keine Rolle für mich. Gemessen daran, hatte ich allerdings recht häufig welchen. Aber auch das hat mich nicht interessiert. Es war nichts anderes, als sich den morgendlichen Kaffee zu machen. Aber eigentlich spielt das hier alles keine Rolle.
Mein Leben war verkorkst, ich war zu einem ekelhaften Subjekt verkommen und bekam nichts auf die Reihe. Ich war ziemlich erbärmlich.

Später erzählte mir ein Pfleger, sicherlich ein John oder so, dass sie mich notoperieren mussten, weil wohl irgendeines meiner Organe den Kurzen gemacht hat. Der Typ hätte mal besser das Morphium aufgedreht; an dem Zeug hatte ich nämlich inzwischen richtig Gefallen gefunden. Das war sehr viel besser – und billiger – als der Mist bei den Dealern. Angeblich hab ich auch eine Weile im Koma gelegen, weil…ja, weil da irgendwie noch ein Unfall war. So richtig hab ich das nicht mitbekommen, weil ich grad auf meinem Dopewölkchen durch den Azurhimmel surfte und das war echt sehr cool.
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« Antworten #1 am: Mo, 02. April 2012, 22:01 »

...  wann kommt der nächste Teil?

 :buch: ... bisher gefällt mir die Kurzgeschichte sehr ...
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Nimue
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« Antworten #2 am: Di, 03. April 2012, 00:02 »

Hmmm, also ich habe sie schon vor einigen Jahren geschrieben und soeben selbst nochmal gelesen.
Ich meine, dass man sie am Stück lesen sollte...daher möchte ich euch nichts anderes aufzwingen und gebe schon jetzt die weiteren Teile her.
Ihr könnt ja vielleicht einfach in Etappen lesen, wenn es euch jetzt zu viel ist.  :-]

Die Pfeilspitze - Teil 2

Der Entzug war schlimm. Es gibt kein Wort dafür, wie sich das anfühlt, wenn das Innerste nach Außen drängt, um den nächsten Pfleger, die nächste Schwester oder den nächsten weißen Halbgott K.O. zu schlagen und ihm den Stoff abzunehmen. Ich habe tolles Zeug phantasiert und schreibe vielleicht mal ein Buch darüber. Wirklich richtig abgefahren – könnte sich also lohnen.
Als das langsam nachließ – man hatte mich inzwischen in ein Einzelzimmer am Ende der Station verbannt um die anderen vor mir zu verschonen– begriff ich langsam, in welcher Situation ich mich befand. Allmählich konnte ich auch zuhören und was ich da so mitbekam, gefiel mir nicht unbedingt.
In der Not-OP hatte man mir große Teile der Pankreas entfernt – klingt wie n exotischer Kuchen, oder? – was wohl nicht so toll war. Meine Leber sei auch ziemlich im Eimer und mein Magen voller Geschwüre. Naja, vielleicht hätte ich in den letzten Jahren doch mehr Zeit auf feste Nahrung verwenden sollen. Egal, die Dokterchens machten mir einigermaßen Hoffnung, dass das durch nen rapiden Wechsel meines Lebensstils zu beheben wäre oder zumindest nicht mehr unmittelbar tödlich sei. Ist mal wem aufgefallen, das Ärzte immer gleich mit Pest, Cholera und Teufel drohen, wenn man nicht ihrem Halbgottklischee entspricht? Ich finde die Typen echt übertrieben empfindsam…immer gleich schmollen und drohen. Die haben gar keine Kommunikationskultur…und wie die mich immer angeguckt haben…voll die Freaks.

Aber das eigentliche Problem war nicht der schlammige Brei unter meinen Rippen, sondern das, was von meinen Beinen geblieben war. Dass überhaupt etwas nicht stimme – und dieser Umstand spricht sehr für die Qualitäten des Morphiums – wurde mir erst klar, als eine ziemliche fesche Halbgöttin mit mir das nächste OP-Date besprechen wollte. Endlich erzählte mir so mal jemand, was eigentlich passiert war.
Irgendwie hatte ich es noch aus dem Partyschuppen geschafft und war zielstrebig auf irgendeine Landstraße getorkelt. Artig und wohlerzogen, ein Bild des Anstandes, hangelte ich mich an einer Leitplanke entlang. Wo ich hinwollte, ist mir bis heute nicht ganz klar. Ungünstigerweise muss wohl ein Lastwagen, die ja von Natur aus recht dicklich sind, grad zu der Zeit da langfahren sein, wie ich meinen nächtlichen Spaziergang zelebriere. Jedenfalls war meine rechte Hüfte, samt Bein zertrümmert und die andere Seite sah nicht viel besser aus, weil halt diese Leitplanke da rum stand.
Meine Beine haben mir immer sehr gut gefallen, aber das konnte ich wohl jetzt vergessen. Jedenfalls wurde operiert und ich wachte erst ein paar Wochen später wieder auf. Komplikationen!
Ich hätte „großes Glück gehabt“ und das würde „schon alles wieder werden“, waren schon immer dämliche Floskeln, die mein Misstrauen erregten, aber ich hätte nie geglaubt, dass ich sie mal so ätzend finden würde.
Mein Bein war nicht zu retten gewesen. Durch die lange Wartezeit, ehe ich operiert werden konnte, hatte sich der Knochensplitterbrei entzündet und zu Brand geführt. Meine rechte Hüfte war nur teilweise erhalten geblieben und müsste in weiteren Restaurationsarbeiten wieder hergestellt werden. Mein Linkes Bein würde vermutlich durchkommen, wobei Hüfte und Knie vielleicht versteifen. Erstmal müsste ich aber die Sepsis überstehen.
Na da hatte ich aber wirklich richtig Glück gehabt!

Nachdem ich weitere Wochen jeden Besucher und alles Klinikpersonal angeödet hatte – und vor allem mich selbst – standen erste Trainingseinheiten an. Meine Muskeln waren eh schon im seligen Nirvana verschwunden und ich musste jetzt dringend an mir arbeiten – nein, das war nicht meine Idee! Als dann also das Urteil über meine erbauliche medizinische Zukunft gefällt war, brauchte ich nicht lange auf IHN zu warten.
Es gibt Momente im Leben, die wir alle kennen, die wir nie vergessen und die wir alle hassen. Das war so einer! ER, Jared Vararlo, mein treuloser Kindheitsgefährte, der erste Mann, der mich wirklich enttäuscht hat, stand in unsäglicher Schönheit und perfekter Vollständigkeit in hellblauer Klinikklufft mit einem blendendweißen Handtuch über dem Arm, abscheulich lässig in meiner Tür. Konnte es beschissener werden?
Ja. Er lächelte. Er hatte mich erkannt. Nein, er hatte meinen Namen auf der Akte gelesen. Verräter. Aber soweit war ich ja schon.
„Hallo Sirje, ich bin spät dran diesmal. Entschuldige. Geht es dir besser?“.
Mir war schlecht.
„Schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen“.
Was für ein dreckiger schadenfroher Sadist.
„Ich bin hier um dir zu helfen.“.
Tor zur Hölle tu dich auf.
Ich weiß nicht, ob ich vielleicht unmächtig geworden bin, aber als ich die Augen wieder aufmachte, war er weg. Und ich begann darüber nachzudenken, warum ich ausgerechnet jetzt ausgerechnet an ihn denken musste. Es bestand natürlich die gruslige Möglichkeit, dass er tatsächlich da gewesen war und wiederkommen würde und so wappnete ich mich so gut ich konnte. Wenn er schon meinen entstellten Körper zu Gesicht bekommen sollte – und ich wusste, dass ich mich nicht effektiv wehren könnte – dann sollte das mit Würde geschehen. Mein Rettungsanker war jetzt mein Wissen, dass auch er einen Makel hatte und wenn er mich mit unerträglichen Freundlichkeiten zwingen würde, musste ich das gegen ihn verwenden. Keine Ahnung wie.

Aber er kam nicht. Als das nächste Mal die Tür aufging, stand da definitiv ein Jakob…frisch gebügelt und knusprig dampfend aus der Vorhölle. Die folgenden Tage waren von Schmerz dominiert. Jakob folterte mich erbarmungslos und stundenlang. Aber ich muss ihm hoch anrechnen, dass er sehr professionell war. Keine schiefen Blicke, kein Erbarmen und völlige Resistenz gegenüber jeder meiner Klagen und jedem Schreien und Heulen. Er war ein echtes Arschloch. Da ich aber eh nichts anderes vorhatte, spielte ich artig die Hauptrolle in seiner miesen kleinen Show. Und ok, er hat mir vermutlich irgendwie einen Gefallen getan und mit der Zeit wurde es auch besser – weniger schmerzhaft zumidnest.
Er bog und drehte, streckte, drückte und zog an meinem kaputten Bein und hielt mir ohne Unterlass vor, dass das alles zu meinem Besten sei, schließlich müsse ich künftig mit einem Bein klarkommen und auf die Prothese vorbereitet werden. Prothese! Oh Gott. Ich hatte es bisher vermieden auch nur darüber nachzudenken und nun hielt er mir unter die Nase, dass all das hier nur diesem Zweck diente. Als er weg war, wollte ich mich in meine neuen besten Freunde flüchten: Tagträume und Phantastereien.
Spätestens hier beginnt wohl die Phase, da ich nicht mehr sicher sagen kann, was wahr und was weniger wahr – oder sagen wir wirklich – war. Denn eine Frage der Wahrheit war es eigentlich nicht. Mir erschien es alles wahrhaftig. Vermutlich wurde ich verrückt.
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« Antworten #3 am: Di, 03. April 2012, 00:05 »

Die Pfeilspitze - Teil 3

Fünf Tage nach meiner ersten Wahnvorstellung, war er wieder da: Jared Vararlo. Und all meine guten Vorsätze waren weg. Ich konnte ihn nur hasserfüllt anstarren.
„Hast du starke Schmerzen?“
„Geh weg.“
„Aber du brauchst mich.“
„Ich komme gut klar.“
„Nein.“
Als ob es nicht schon schlimm genug war, dass er Recht hatte, nein, jetzt grinste er auch noch triumphierend. Oh, wie ich ihn hasste. Nie war mein Drang aus diesem Bett zu kommen größer, als in diesem Moment. Aber nicht, um vor ihm davon zu laufen und wieder meine Ruhe zu haben, sondern um ihm in den Arsch zu treten und ihm das schmierige Lächeln einzuschlagen. Eigentlich neige ich nicht zu Gewalt, aber das wären eindeutig ein Akt von Notwehr und ein Gnadendienst an mir selbst gewesen.
Ohne sich um meine mürrische Miene zu kümmern, kam er zu mir ans Bett und setzte sich auf die Seite, wo bis vor kurzen noch mein rechtes Bein gewesen war.
Das tat weh.
Diese schamlose Demonstration meiner Unzulänglichkeit war erniedrigend. Wie konnte er nur so bösartig sein? Ich hatte ihm nichts getan, ich hatte ihn angestarrt und seine Narbe schockiert betrachtet, aber ich hatte ihn doch nicht verletzt – nicht so wie er mich in diesem Augenblick verletzte. Warum tat er das?
„Jetzt verstehst du es.“
Er sah mich mit weichem Lächeln an und verließ das Zimmer.

Ich tobte, kochte und verfluchte ihn. Ich warf das Tablett mit meinem Abendbrot gegen die hellgelbe Wand des Zimmers, auf die ich nun schon seit Wochen starren musste und hasste mich im gleichen Moment dafür. Ich gab ihm die Schuld daran.
Ich beschimpfte ihn mit allen Bösartigkeiten, die mir einfallen wollten – sogar die zwei chinesischen, die mir mein Opa im Vollrausch verraten hatte. Und je mehr ich tobte, umso klarer sah ich. Ich hatte ihm Unrecht getan. Er hatte nicht mehr getan, als ich damals. Eigentlich war es sogar sehr viel weniger, denn er hatte nicht auf mein fehlendes Bein gestarrt, sondern sich völlig normal verhalten…sich der Situation angepasst…sich dort hingesetzt, wo schlichtweg Platz war. Die Erleuchtung war fies. Ich musste 25 Jahre alt werden um zu begreifen, dass mein bester Freund mich nicht verraten hatte. Vielmehr hatte ich ihn in eine Position gedrängt, aus der er gar nicht raus konnte…und eigentlich konnte er irgendwie auch nichts dafür, dass seine Eltern weggezogen waren. Hm.
Ich war also erleuchtet und konnte mein eigentliches Vorhaben wieder verfolgen. Eine grässliche Stimme in meinem Hinterkopf wies mich nebenbei daraufhin, dass Jared wieder diese seltsamen hellblauen Klamotten getragen hatte, obwohl bisher alle Pfleger in grün rumgelaufen waren, und dass da ein verdächtiges Armband an seinem Handgelenk hing…so eines, wie man es auf der psychiatrischen Station bekäme. Aber es gab bestimmt eine Erklärung dafür…vielleicht war er Allergiker oder Bluter oder … verrückt?

Als er das nächste Mal in der Tür stand, vergaß ich mich nicht und ergriff meine Chance beim Schopf, wie ein trocknes Grasbüschel in einem Sumpfgebiet.
„Woher hast du die Narbe?“
„Es freut mich auch dich zu sehen.“ Wenn ich so drüber nachdachte, machten mir der Singsang seiner Stimme und die weiche geschmeidige Art zu reden, zu laufen, zu SEIN, irgendwie doch Angst.
„Ja, hi. Beantwortest du mir die Frage?“ Zugegeben, das war vielleicht zu direkt, aber ich hatte eigentlich schon erwartet, dass er antwortete. So war ich also dann doch enttäuscht, als er nur lächelte und mir in kryptischen Floskeln auswich.
„Du weiß woher sie stammt.“
„Nein.“
„Du erinnerst dich nicht?“
„Mein Kopf ist in Ordnung.“ Ja, vielleicht war es etwas böse, dass ich „mein“ so komisch betont habe.
Lächeln.
„Du hast mir nie erzählt, woher du sie hast.“ Eigentlich wollte ich ja nicht schmollen.
„Ich habe es dir oft erzählt. Du mochtest die Geschichte, obwohl sie dich traurig gemacht hat.“
„Nein.“ Jetzt bloß nicht zickig werden Sirje – und auch nicht rumbocken.
„Es wird dir einfallen. Ich habe etwas für dich. Du willst es sicher gern haben wollen.“
Er zog etwas Merkwürdiges aus seiner Hosentasche, wobei mir die Perfektion seiner Oberschenkel schmerzlich bewusst wurde, und warf zielsicher ein kleines unförmiges Knäuel auf die rechte Seite meines Bettes. Als ich es mühsam mit meinen Fingerspitzen geangelt hatte – und er stand nur da und sah mir zu…Widerling – hielt ich ein ziemlich abgewetztes Lederband in der Hand, an dem ein hässlicher vernarbter Metallklumpen hing.
„Was ist das?“
„Die Pfeilspitze.“ Da war echte Verwunderung in seiner Stimme. Und mir wurde ganz unwunderlich klar, dass das Armband an seinem Gelenkt tatsächlich keine Allergieinformation war. Er war Patient in der Klapse. In meinem Zimmer stand ein Irrer. Das war wirklich eine gruslige Erkenntnis. Nicht schön – und der Schwesternknopf war plötzlich sehr weit weg.
„Sieht ziemlich mitgenommen aus.“
„Man verliert halt etwas Glanz, wenn man fast 700 Jahre alt ist.“ Siebenhundert Jahre. Klar! Wenn ich noch einen Beweis gebraucht hatte, das war er. Ich habe mich schon immer gefragt, ob man den Leuten ihren Wahnsinn ansieht. Für Jared galt das nicht. Auf mich wirkte er völlig gesund – zumindest definitiv gesünder als ich. Solange er den Mund hielt, konnte er echt als gutaussehender, erfolgversprechender, potenter Mittzwanziger durchgehen – aber eben nur dann.
Irgendetwas musste mich verraten haben.
„Du erinnerst dich wirklich nicht.“
Eine Feststellung. Eine richtige Feststellung.
„Hm, es ist wie immer.“ Was redete der da?
„Was ist wie immer?“
„Zu Beginn erinnerst du dich nie. Aber das kommt. Diesmal haben wir nicht viel Zeit.“
Hilfe! Schwester, Doktor, Security…
„Ich muss jetzt gehen.“
“Ja?“
Schade irgendwie und wirklich nicht grade viel Zeit.
„Bis bald.“
Dann war er weg. Die Tür war kaum zu, als mein Foltermeister Jakob die Bühne betrat und mir die nächsten zwei Stunden keine Chance für Grübeleien ließ. Da ich neuerdings auch zur Wassergymnastik geschickt wurde, lieferte mich Jakob nach unseren gemeinsamen Kamasutraspielchen dort ab und versprach mich später auch wieder abzuholen. Ich hatte den Eindruck, dass er mich gern im Rollstuhl durch die Flure schob, weil ihm das ein Gefühl der Macht gab, was ihn irgendwie anmachte.
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« Antworten #4 am: Di, 03. April 2012, 00:07 »

Die Pfeilspitze - Teil 4

Jedenfalls hasste ich diese therapeutische Maßnahme.
Das Wasserbecken war bevölkert von unterschiedlichsten Meerwesen. Von zarten Nixen, über hässliche Seemonster bis hin zu gewaltigen Walen gab es alles.
Und ich war der Guppi ohne Flosse.
Jeder wird wohl das Gefühl kennen, wenn man sich in einer Menschenmenge beobachtet fühlt. Wenn man glaubt, dass alle Blicke, wie fiese Woodoonadeln auf die Haut einstechen und einem nach und nach jede Würde absaugen, wie man immer kleiner und ängstlicher wird und am liebsten nur noch weinen möchte, weil man sich eben so aussätzig und minderwertig fühlt. So unperfekt.
Diese Erfahrung ist ein lächerliches Erlebnis verglichen mit dem, was ich empfand, als ich zum ersten Mal in der Halle ohne den Schutz meiner Decke und der ganzen Verbände der Welt gegenübertrat und mich dem Urteil anderer Menschen aussetzen musste.
Ich glaube heute, dass das der eigentliche Sinn der Behandlung war. Ich sollte damit klarkommen, dass ich in diese Welt zurück musste da mein Aufenthalt in dieser Einrichtung schließlich doch einmal enden würde. Damals half mir diese Erkenntnis nichts.
Es war ein er- und gelebter Alptraum.

Jared kam vier Tage später wieder. Es musste schon recht spät gewesen sein, denn ich erwachte erst, als er schon auf der Bettkante saß. Diesmal trug er völlig normale Klamotten. Eine dunkelgraue Jeans, die ihm wirklich gut stand und die Farbe seiner Augen wieder aufnahm, dazu ein braunes T-Shirt, passend zu den schulterlangen gewellten Haaren, die er ärgerlicherweise immer streng zurück band, und darüber ein beiges Hemd, dass er lässig aufgeknöpft ließ.
Unweigerlich hatte ich mich in den letzten Tagen damit konfrontiert gesehen, mir ein Leben ohne Drogen und Alkohol vorzustellen. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich zu keiner Beziehung fähig war und folglich allein klar kommen musste, was schon die Hauptschwierigkeit war. Allein! Also auch ohne Dope und Korn.
Meine Mutter war tausende Kilometer weg, mein Vater ein Idiot. Geschwister hatte ich keine, Freunde dagegen reichlich – zumindest, wenn ich high genug war. Inzwischen sah die Realität anders aus. Ein paar dieser Freunde hatten mich in den ersten Wochen im Krankenhaus besucht, angestarrt und waren nie wieder aufgetaucht. Linda war ein paar Mal da gewesen, weil sie was von mir wollte und es ihr scheinbar nichts ausmachte, dass ich jetzt ein Krüppel war. Ich glaube, sie dachte, dass sie es jetzt leichter bei mir hätte, weil ich auf ihr Mitleid gut anspringen würde. In Wahrheit fand ich sie noch ätzender als eh schon im zugedröhnten Zustand. Irgendwann gab sie es auf.
Fakt: Jared war der einzige, der mich regelmäßig besuchte.
„Du siehst gut aus“, begrüßte ich ihn und versuchte spontan wach zu werden.
„Du nicht.“ Reizend, als ob ich das nicht gewusst hätte.
„Ich habe geschlafen.“
“Ja ich weiß, es ist spät. Ich hab es nicht früher geschafft und wir haben kaum noch Zeit.“
„Ach, ich habe grad eh nichts vor und lieg hier nur rum. Erzählst du mir von deiner Narbe?“ Den Versuch war es wert.
„Du bist zu ungeduldig. Lass mich dir zuerst eine Geschichte erzählen.“ Eigentlich mochte ich Geschichten immer sehr gerne. Mein Vater hatte – wenn auch sonst keine Talente – eine wunderbare Erzählstimme mit einem tiefen weichen Timbre, das es einem im Bauch mitschwang. Leider verschlief ich fast immer das Ende der Geschichte, was mir die Sache doch irgendwie verleidete.
Jareds Stimme war der meines Vaters sehr ähnlich. Warm und voll. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, als Ton in seinem Körper erstehen zu dürfen und dann träge durch den weichen und warmen Körper nach außen zu fließen um mit derartigem Wohlklang die Zuhörer zu erfreuen. Allerdings konnte ich mich diesen bildreichen Phantasien, die erschreckend erotisch waren – etwas mir bisher völlig fremdes – nicht weiter hingeben, da er in diesem Moment mit der eigentlichen Geschichte begann.
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« Antworten #5 am: Di, 03. April 2012, 00:08 »

Die Pfeilspitze - Teil 5

„Ich möchte dir von Pietro und Niemi erzählen.
Die beiden lebten zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Pietros Heimatstadt Florenz. Pietro war Schmied. Und auch wenn er niemals als großartiger Handwerker oder wahrer Künstler über die räumlichen Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt oder gar berühmt werden sollte, so war er stets bemüht, solide Arbeiten anzufertigen. Er wollte ein guter Handwerker sein, mit guten preisen und vernünftiger Qualität, allen voran aber ein guter Ehemann.
Und so fertigte er die schönsten Dinge für seine Frau. Er schenkte ihr kunstvolle Kerzenhalten, feines Besteck und herrlichen Schmuck. Aber stets nahm er für sich in Anspruch, dass seine wunderbarste Arbeit und größte Leistung als Metallhandwerker ihrer beider Eheringe waren.
In einem Zimmer ihres Hauses hatte er eine kleine Sammlung verschiedenster Metallspielzeuge für das Kind angelegt, an dessen Zeugung sie sich versuchten. Und es bereitete ihm große Freude, wenn er sich bei der Arbeit als liebevollen Vater ihrer Kinder in der Zukunft sah.

Manchmal kam Niemi zu ihm in die Schmiede und sagte ihm, dass er sich weniger um sein Feuer, sondern mehr um seine Frau kümmern solle. Daraufhin lachte er und versprach gleich zu kommen, woraufhin Niemi ebenfalls lachte. Es kam auch vor, dass sie ihn aufzog und fragte, was er wohl so schlimmes in seinem früheren Leben getan hätte, dass er so emsig in seiner kleinen Hölle, so nannte sie die heiße Schmiede gern, arbeitete und Buße tat. Aber Niemi wusste, dass die Hölle der letzte Ort wäre, an den ihr braver lieber Mann kommen würde.

Pietro war keine besondere Schönheit, aber seine Frau eigentlich auch nicht.
Manche Frauen fanden ihn zu beharrt oder fürchtete seine stählernen Arme, die aus seinem Leib schier herausragten, der aus zuviel Pasta und Bier erbaut war. Niemi nannte ihn manchmal liebevoll L’Orsacchiotto – das heißt Kuschelbär – und stupste ihn dann zärtlich in den Bauch, woraufhin er tatsächlich manchmal in gespielter Verstimmung brummte. Meistens aber sagte er stolz, dass er sich den verdient habe und das sowieso nur entspannte Muskeln sein.
An Niemi gab es nichts Besonderes. Sie war für eine Frau weder groß noch klein, nicht besonders schlank, aber auch nicht dick, sie hatte dichtes dunkles Haar, wie fast alle in der Gegend, und besonders dunkle Augen.
Sie waren Glücklich.
Sie war freundlich.
Er war hingebungsvoll.“
„Das ist eine nette Geschichte.“
“Sie ist noch nicht zu Ende.
Im Jahre 1347 erreichte eine unbekannte Krankheit Italien. Sie kam mit den großen Segelschiffen aus China und verbreitete sich von den Häfen ausgehend im ganzen Land. Die Seuche tötete die Menschen so schnell, wie ein Waldbrand die über Jahrzehnte gewachsenen Bäume vernichtet. In den Städten läuteten unablässig die Kirchglocken, weil man glaubte, so die Krankheit fern halten zu können oder sie sogar zu besiegen. Viele meinten auch, sie würde durch den Gestank der Toten übertragen, also gingen sie mit parfümierten Taschentüchern vorm Gesicht umher. Der Geruch des Weihrauches, den man zu gleichem Zwecke überall verbannte, mischte sich mit dem des Todes und erhob sich zu einer beißend stinkenden Wolke.

Und eines Tages fühlte Niemi sich ein wenig fiebrig. Sie zog sich ins Schlafzimmer zurück und legte sich etwas schlafen. Als sie am Abend erschöpft erwachte, entdeckte sie in ihrer Leiste ein Furunkel von der Größe eines Hühnereis und Schwellungen in den Achselhöhlen. Sie wusste sofort, dass der Schwarze Tod sie in den Fängen hielt.
In der Küche bereitete Pietro das Abendessen vor und klapperte emsig mit den Töpfen und Schüsseln. Sie schrie ihm zu, er solle gehen, sofort, weil sie die Krankheit habe.
‚Gavoccioli’, kreischte sie. Die Beulen. Sie verlangte, dass er sich rettete, weil jedermann wusste, dass es keine Rettung gab, keine Heilung, keine Hoffnung. Sie flehte ihn an: ‚Geh, Geh sofort!’
In der Küche herrschte Schweigen. Niemi lag in der Dunkelheit und lauschte auf die Stille, die zwischen ihr und ihrem Mann herrschte. Dann hörte sie, wie er lauter mit den Töpfen schepperte, um das Geräusch seines Weinens zu übertönen. So ging es einige Minuten lang, dann kamen Pietros Schritte durch den Flur zu ihr. Sie schrie und fluchte und beschwor ihn wegzubleiben, er aber erschien in der Tür, ein Tablett mit Pasta und Wein auf den Armen.
‚Es wird dir besser gehen, wenn du isst, wenigstens ein bißchen’, sagte er, trat ins Zimmer, stellte das Tablett ab und setzte sich neben sie. Dann beugte er sich zu ihr, um sie zu küssen.

Niemi wollte sich ihm entziehen. Es war das erste und einzige Mal in ihrem Leben, das sie versuchte, sich ihm zu verweigern, doch Pietro drängte sich mit seiner Kraft als Schmied an sie und küsste ihr jedweden Protest in den Mund zurück. Nach einigen Sekunden erkannte sie, dass jeder weitere Kampf zwecklos war und nahm ihn an.
Es war getan.
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« Antworten #6 am: Di, 03. April 2012, 00:09 »

Die Pfeilspitze - Teil 6

Am Abend aßen sie noch ein wenig und legten sich gemeinsam nieder. Der Mond schien durch das Fenster hinein und erleuchtete das spärliche Mobiliar. ‚La luna è tenera’, sagte Pietro. Der Mond ist sanft. Er schloss die Augen und hielt Niemi nur noch fester. Das Letzte, was sie in dieser Nacht sah, war sein schlafendes Gesicht und als sie am nächsten Morgen erwachte, war es auch sein Gesicht, was sie als erstes an diesem neuen Tag sah. Sie hatte furchtbares Fieber, einen Schweißfilm auf der Haut und einen rasenden Puls.
‚Schau’, sagte er zärtlich, ‚die dunklen Flecken sind auf deine Haut gekommen.’ Niemi begann zu weinen, doch Pietro lächelte und strich ihr übers Haar. ‚Weine nicht. Wir haben keine Zeit für Tränen. Lieben wir uns, solange wir es noch können.’
Noch am Nachmittag kam für Niemi das Schlimmste. Drei Tage lang starb sie einen grauenhaften Tod, während er ihr Geschichten von Schwänen und Wundern und großer Liebe erzählte. Zur dritten Mitternacht erwachte Pietro von ihrem gequälten Atem. Sie drehte ihm das Gesicht zu. ‚Das ist es jetzt.’
Er sagte: ‚Wir sehen uns bald wieder.’

Pietro küsste Niemi ein letztes Mal und zog ihr den Ehering vom Finger. Auch er war nun schwer krank, doch quälte er sich aus dem Bett. Von Übelkeit und Fieber fast gelähmt, konnte er kaum stehen, doch er zwang sich in seine Schmiede. Eines blieb noch zu tun.
Er entzündete das Feuer und erhitzte die Esse. Er schmolz beide Eheringe, seinen und ihren, und goss sie in die Form einer Pfeilspitze. Als die Spitze fertig war, steckte er sie auf einen Schaft. Er spähte den Pfeil entlang, um sicher zu sein, dass er so gerade war, wie keiner, den er je gemacht hatte.
Pietro holte die Armbrust von der Wand. Sie hatte seinem Vater gehört, einem großen Armbrustschützen, der in einer Schlacht gefallen war, als Pietro und sein Bruder Bernardo noch sehr klein waren. Diese Armbrust, die ihm ein Kriegskamerad nach Florenz gebracht hatte, war die einzige Habe seines Vaters, die Pietro je besessen hatte. Abgesehen von diesem Ding hatte er nicht einmal Erinnerungen an ihn.

Er ging ins Schlafzimmer zurück, zu Niemis Leichnam, beugte sich durchs offene Fenster und legte Pfeil und Armbrust davor hin. Der Morgen graute schon und er rief einem vorbeigehenden Jungen zu, er solle seinem Bruder, der in einem anderen Teil der Stadt lebte, eine Nachricht überbringen. Keine Stunde verging, da stand Bernardo am Fenster des Schlafzimmers.
Pietro beschwor seinen Bruder, nicht näher zu kommen, da er fürchtete, er könne die Krankheit an ihn weitergeben. Dann bat er ihn um einen letzten Gefallen.
‚Alles was du willst’, sagte Bernardo. ‚Ich will dir deinen letzten Wunsch erfüllen.’
Nachdem Pietro seine Bitte ausgesprochen hatte, setzte er sich aufs Bett, den Blick zum Fenster. Unter tiefen Schluchzern hob Bernardo die Armbrust und legte den Pfeil ein. Er holte tief Luft, spannte den Körper und bat den Geist seines Vaters, den Pfeil ins Ziel zu lenken. Bernardo ließ die Schnur schnellen und der Pfeil flog los. Der Schuss war präzise, der Tod trat auf der Stelle ein.

Pietro fiel hintüber aufs Bett, neben seine Niemi, die Pfeilspitze aus ihren Eheringen fest im Herzen. Er starb wie er gelebt hatte, voller Liebe.“

„Traurig, aber ich mag sie.“
„Ich weiß.“
Nie zuvor in meinem Leben war ich so müde gewesen. Plötzlich bin ich wieder ein kleines Kind.
Papas Arm um meine Schultern, schmiege ich mich an ihn, hebe meinen Kopf mit jedem seiner tiefen Atemzüge und erweitere den Resonanzkörper seiner wunderbaren Stimme um mich selbst.
Aber nie zuvor habe ich derartige Leichtigkeit und Freude empfunden. Der Schlaf verspricht mir ein neues Wunder, dessen Tore Jareds Geschichte für mich geöffnet hat.
Ein Arm liegt um meiner Schulter. Mein Kopf hebt und senkt sich mit seinem Atem.

Grelles Licht fällt auf eine kleine Gruppe dunkel gekleideter Menschen, die um ein Krankenbett stehen. Ich glaube meine Mutter zu erkennen. Sie starrt auf die Figur, die dort liegt, und kämpft mit den Tränen. Sie wirkt gefasst, aber unter der Oberfläche ist sie eine gebrochene alte Frau. Aber wer weiß, ob sie es wirklich ist. Wo endet die Wahrheit?
Neben ihr steht ein schlohweißer Mann, der zaghaft ihre Hand hält und mit glasigen leeren Augen ihrem Blick folgt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir meine Erinnerung einen Streich spielt, aber ich fürchte fast, dass dieser alte, hagere Mann alles ist, was von meinem stattlichen, aufbrausendem und lasterhaften Vater geblieben ist. Ein Bild des Jammers.
Ich möchte gern wissen, wen wir besuchen, wer dort liegt. So ein bisschen sensationshungrig war ich schon immer. Und so schiebe ich mich langsam an einer dritten Person nach vorn, die eindeutig als Ärztin auszumachen ist. Sie ist grad mit den Knöpfen an den Geräten abgelenkt, also bemerkt sie mich gar nicht.

Und dann sehe ich sie, sehe mich, sehe mein Gesicht. Mein Blick wandert rasch und panisch über die Decke. Nur eine Bergkette in der weißen Landschaft. Das Zwillingsgebirge fehlt. Das bin ich. Das kann nur ich sein. Mein Makel ist inzwischen mein markantestes Merkmal. Ein Zweifel ist ausgeschlossen.
Ich kombiniere.
Ich stehe neben mir – das kenne ich noch von früher – aber das hier ist anders, meine Eltern sind da, beide!, die Ärztin dreht an den Knöpfen, sie schaltet ab.
Ich sterbe, nein, ich bin bereits tot.
Und doch starren meine toten Augen voller Glück und Freude auf ein Ziel. Ich blicke ebenfalls in die Richtung. Dort steht er.
„Wir sehen uns bald wieder.“
Ich lächle und erinnere mich.
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« Antworten #7 am: Di, 03. April 2012, 20:57 »

Liebe Nimue,

Die Geschichte habe ich natürlich noch letzte Nacht zuende gelesen. Sie hat meine Seele tief berührt. Eine Gänsehaut überkam mich und die Beiden haben mein tiefstes Mitgefühl. Aber es ist doch tröstlich, zu wissen das sie durchs Tor zum Licht gegangen und wieder vereint sind.
Du hast es so fesselnd geschrieben - da habe ich es heute gleich nochmal gelesen. Hast du noch mehr geschrieben?

LG

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« Antworten #8 am: Mo, 16. April 2012, 21:47 »

Ich danke dir für deine Worte. Es freut mich, dass tatsächlich einige die Zeit geopfert haben und den Zeilen zum Ende gefolgt sind - in mehrfacher Weise irgendwie.

Um die Frage nach anderen Schriftstücken zu beantworten: ich habe schon noch so Einiges zu Papier gebracht. Von ein paar Seiten bishin zu Buchdimensionen. Eines dieser buchstarken Werke entstand beispielsweise in Kooperation mit unserem Nachti...wir wünschen uns schon lange, dass das nochmal überarbeitet wird und endlich in lesefertige Form geschüttelt wird...aber die liebe Zeit...

Ansonsten gibt es auch noch ein großes Stück Literatur (irgendwas bei 130 A4-Seiten), das  meinem Kopf über die Jahre entsprunge ist und irgendwie eine Vielzahl an Bildern und Motiven vereint. Irgendwie fast ein philosophisches Stück, weil über die lange Zeit soviele Ideen und Einflüsse reingegriffen haben. Wenn ich das jemals veröffentliche, dann als echtes Buch.

Dann  habe ich noch so manche Kurzgeschichten rumflattern, die ich hier und da im WWW schon immer mal zum Zerpflücken freigegeben habe.
Gedichte gibts auch, aber da fehlt mir seit einigen Jahren einfach die Lust.

Und für alle Schreibereien gilt: ich habe zuwenig Zeit um all meine Ideen fertig zu stellen...und diese ganzen Halbfertigkeiten nerven mich. ^^
Wenn ich mal ein Sabbatjahr mache...dann...dann...hab ich 5.000 Dinge, die ich alle auf einmal machen willl und vermutlich nur 10% (optimistische Schätzung) davon schaffe...aber man muss sich ja Ziele bewahren!
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