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Autor Thema: Interview mit Nobody Knows  (Gelesen 5634 mal)
Unkas
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« am: So, 26. Februar 2012, 21:26 »

Fragen an Nobody Knows


Wenn man euren Terminplan anschaut, war und ist der recht voll. Wie schafft ihr das so quasi nebenbei? Könnt ihr euch überhaupt ein Liebes-/Familienleben leisten?

Na klar. Aber, um die Frage kurz zu umreißen, ein kleiner Exkurs vorab. Nebst der vielen Auftritte haben wir nämlich noch ein weiteres Problem. Wir sind alle aus anderen Städten: Mein Papa, Ronny, wohnt in Stendal, Thor kommt aus Krumke, Aron aus Osterburg, Maxx studiert in Braunschweig, Georg in Magdeburg und ich in Halle. Im Januar und Februar hatten wir nicht ganz so viele Auftritte, daher konnten wir einigermaßen proben, was aber im März bspw. kaum möglich sein wird, weil wir in der Woche alle unterwegs sind. Aber zurück zur eigentlichen Frage: Es bleiben natürlich auch Sachen auf der Strecke, aber wir versuchen, so gut es eben geht, beides miteinander zu verbinden. Wann immer es also machbar ist, werden wir von unseren Liebsten begleitet. Das ist insbesondere bei Auftritten die sehr weit weg, und demnach mit einer Übernachtung verbunden sind, der Fall. Bei Auftritten im Kreis natürlich bisweilen auch.


Nachdem Schlagzeugerin  Jule nun leider nicht mehr zur Band gehört, stellt sich automatisch die Frage: Was macht ihr so im „wahren Leben“? Euer jüngster Neuzugang drückt sicher noch die Schulbank…

Genau, Aron geht noch zur Schule. Thor arbeitet als Erzieher, mein Papa als Bibliothekar. Wir anderen studieren. Maxx wechselt zum Sommersemester 2012 zu Pharmazie, Georg bleibt bei Informatik und ich studiere gymnasiales Lehramt (Deutsch, Philosophie, Geschichte). Wir sind also alles nur Nebenbeimusiker. Noch (wie ich hoffe)!


Eure bandinterne Altersspanne von über 30 Jahren ist beachtlich. Kommen da Vater-Sohn-Gefühle auf?

Zwangsläufig, wenn man mit dem eigenen Vater auf der Bühne steht. ? Ansonsten hört sich das etwas negativ konnotiert an. Ich denke nicht, dass die Altersspanne ein Problem darstellt. Vielmehr bietet sie ja auch den Vorteil, dass unterschiedliche – vielleicht auch generationsspezifische – Charakteristika zur Ausprägung kommen können. Außerdem begreife ich – und ich meine, damit spreche ich für die Kollegen – die Band ohnehin als ein quasi-familiäres Konglomerat. Wenn man jedes Wochenende unterwegs ist (und dazu kommen ja auch noch die Probenzeiten), schweißt das natürlich zusammen. Das macht sich sowohl im freizeitlichen Miteinander bemerkbar, als auch auf der Bühne. In beiden Kontexten „funktionieren“ wir sehr harmonisch und nicht selten ohne laute Kommunikation, will sagen, wenn etwas – und das ist Gott sei Dank sehr oft der Fall – auf der Bühne ad hoc passiert, bedarf es keiner Absprache, weil es auf Augenkontakt funktioniert. Natürlich will ich hier kein Friede-Freude-Eierkuchen skizzieren. Dass es innerhalb einer Band auch zu Differenzen kommt, ist klar – wie auch in einer Familie. Aber seit Beginn dieses Jahres ist viel Ruhe eingekehrt und etwaige Probleme sind viel leichter handhabbar.


Mit elf Jahren Bandgeschichte gehört ihr ja schon zum mittelalten Eisen der aktuellen Folkszene. An welchen Auftritt erinnert ihr euch am liebsten und warum?

Das kann ich derart kategorisch nicht beantworten. Wir hatten eine Unmenge toller Auftritte – und mit jedem verbinden sich andere Geschichten. Wir hatten bspw. mal einen Auftritt, der an sich gar nicht so gut war. Die Leute waren etwas „zäh“ und wir auch nicht sonderlich gut an dem Tag, aber auf der Rückfahrt haben wir Ewigkeiten an der Elbe gesessen, Feuerchen gemacht und gebadet. Das sind also auch unendlich tolle Momente. Ein Highlight ist für mich auch immer, wenn die Leute unsere Texte mitsingen. Das ist sehr erhebend. Oder wenn das Publikum mit auf die Bühne kommt, um zu tanzen. Ich finde das toll, wenn sich die Grenzen nivellieren und man nicht mehr für, sondern vornehmlich mit einem Publikum Musik macht. Tut mir leid, einen expliziten Lieblingsauftritt kann ich leider nicht benennen! Beim Gegenteil fiele mir das schon leichter! ?


Was war der peinlichste Moment auf der Bühne?

Auch hier kann ich nicht genau sagen, was der „einmalig, peinlichste Moment“ war. Auf die gesamte Bandgeschichte verteilt, hatten wir jede Menge peinliche Augenblicke. Bspw. wenn wir ein Lied, das sehr neu ist, derart verhunzen, dass wir durcheinanderkommen. Das ist aber glücklicher Weise nicht mehr so oft der Fall. Mein peinlichster Augenblick war Anfang diesen Jahres, als mir während einer, sagen wir, etwas brachialen Tanzeinlage der Schritt meiner Hose gerissen ist. Ist schon doof. Da hieß es dann: Gitarre runterhängen und weitermachen. Vielleicht ist so ja auch die beliebte Haltung der E-Gitarristen entstanden! ?


Wie oft probt ihr zusammen?


Das ist je nach Monat unterschiedlich. Wie gesagt, im Januar und Februar hatten wir nicht so viele Auftritte und haben es daher geschafft, einmal die Woche zu proben. Im März haben wir neun Auftritte. Da werden wir wohl höchstens zu eins / zwei Proben zusammenfinden. Aber wir sind motiviert, weil wir auch jede Menge Stücke liegen haben, die wir seit Ewigkeiten bearbeiten wollen.


Wie entstehen neue Lieder bzw. wie kommt man auf so abgefahrene Coverversionen?

Diese Frage muss ich zweigeteilt beantworten. Ich fange mit der leichteren an: die Coverversionen. Jeder von uns hat einen sehr eigenen Musikgeschmack. Maximilian hört bspw. viel Loreena McKennitt, Weltmusik, aber auch Klassik. Georg eher Rock, mein Vater auch gern Blues und dererlei. So ergibt sich aus den unterschiedlichen Präferenzen ein recht eigener Duktus. Nehmen wir bspw. „Wish You Were Here“. Wir mochten das Lied, aber 1:1 zu covern kommt nicht in Frage. Da das Banjo zur Entstehung unseres Covers recht neu war, wollte ich es auch unbedingt einsetzen. Und dann standen wir vor der Frage: Warum denn nicht ein bisschen Tempo und Energie in dieses wunderbare Lied. Und so kam das raus, was nun zu hören ist.
Bei den eigenen Liedern ist das, zumindest was den Duktus bzw. die stilistische Vielfalt anbelangt, ähnlich. Aber das musische Grundgerüst liegt in diesem Fall ja nicht vor. Viele Lieder sind von mir, weil ich viele Gedichte von Villon, Heine und Goethe vertont habe. Diesem Grundgerüst (bestehend aus Akkorden und Tempovorstellung) wird dann die eigentliche Musik während der Probe hinzugefügt. Das Lied „Tanz“ haben wir z.B. während einer Probe geschrieben, d.h. Maxx hat die Musik gemacht und wir wollten noch einen Text dafür. Also habe ich einen Text geschrieben. Thors Vertonung von „Am Brunnen vor dem Tore“ („Lindenbaum“) kombiniert dann auch noch mehrere Sprachen, was wir als richtungsweisend für unseren Stil empfinden.


Gibt es eine Art bandinterne Hymne, also ein Lied, was euch ganz besonders am Herzen liegt? Wenn ja, wie kam es zu dieser „Lieblingsnummer“?

Da müssen wir zwischen den Programm unterscheiden. Wir machen ja ein Folkprogramm und ein Lyrikprogramm, das eher ruhig ist und von Vogelweide bis Hesse einen Abriss der deutschen Lyrik vertont. Beim Folkprogramm ist „Hans bleib da“ unser Markenzeichen geworden. Dass es grade dazu kam, ist erstaunlich. Ich denke, es liegt daran, dass das Lied sowohl die schottische Fasthymne mit deutschen Liedgut vereint. Das „Hans bleib da“ ist fein zum Mitsingen, die Zwischenteile eignen sich gut zum internationalen Mitgesang (Text: lalalalala). Was aber genau dafür verantwortlich ist, dass grade dieses Lied zu solchem Status gelangt ist, kann ich nicht ausmachen. Aber „Ghost Riders“ und „Katjuscha“ dürften auch mit unter den sogenannten Top Ten weilen! Was die Präferenzen jedes einzelnen angeht, kann ich nur sagen, dass jeder von uns ein anderes Lieblingslied hat! Bei unserem Lyrikprogramm dürften wohl „Tandaradei“ und „Sing ein Lied für mich“ recht weit vorn liegen!



Habt ihr einen Tourbus oder wie kommt ihr mit all den Instrumenten zu euren Auftritten?


Nein, wir haben einen Tourbus. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Teffki-Werbung, der aus der alten Fassade einen A-Team-ähnliches Gefährt gemacht hat. Will sagen: Unsere Busoptik wurde stark überarbeitet. Davor war er fleckig rot und nun ist er matt schwarz. Auf der Rückseite ist unser Cover von „we folk YOU“ und an der Seite unser Name mit Logo. Wir haben sechs Sitze, d.h. wenn Familie und Techniker mitkommen, müssen wir mit einem weiteren PKW im Kollektiv reisen!


Max, du spielst vorrangig drei Instrumente verdammt gut. Mit welchem hast du angefangen und wann war das? Wie kamen die anderen zu ihren Instrumenten?


Ich werde mal bei der zweiten Teilfrage anfangen. Maxx hatte an der Musikschule in Stendal Klavierunterricht. An der gleichen Musikschule hatte Georg Geigenunterricht. Wir kannten uns u.a. auch aus dem Orchester. Mein Papa hat vor vielen Jahren mal Cello gelernt, aber immer schon parallel Gitarre gespielt. Wie genau die Mandoline dazukam, weiß ich leider nicht zu sagen. Thor hat ursprünglich Flöten und Schalmei gespielt. Irgendwann hat mein Vater dann zu der alten Band von Thor und ihm, die Tippelbrüder, den Kontrabass, den er für nen Appel und nen Ei gekauft hatte und dafür umso teurer reparieren lassen musste, mit. Thor hat dann angefangen, Bass zu spielen. Ich selbst habe an der Musikschule 14 Jahre lang Geigenunterricht gehabt. Von meinem Klavierunterricht ist nur wenig bis gar nichts hängengeblieben. Irgendwann habe ich dann angefangen, auf der Gitarre meines Vaters zu spielen. Letztes Jahr kam dann das Banjo dazu, weil ich den Sound so mag. Und seit Februar habe ich endlich eine Bassbalalaika! Was für ein großartiges Teil!


Wie habt ihr euch in der Band überhaupt gefunden? Wie muss man sich die Bemerkung auf Wikipedia „Nobody Knows wurde am 25. Januar 2001 gegründet.“ vorstellen?


Am 25. Januar fand unsere erste Probe statt. Ich bin in puncto Notizen bisweilen etwas überbürokratisch veranlagt, daher habe ich den Termin auch rückwirkend in einem alten Timer gefunden. Wir haben uns zur Hausmusik mit Freunden getroffen. Wir waren in komplett anderer Besetzung als heute. Nur Dietrich spielt bisweilen an Cello und Posaune als Gastmusiker noch mit. Georg kam dann vor neun Jahren dazu, Maxx vor acht. Mein Papa und Thor sind seit 2011 mit dabei und Aron seit dem 29.12.2011. Mit Georg und Maxx haben wir uns überwiegend über die Musikschule kennengelernt. Als sich dann die Band meines Vaters aufgelöst hat, kamen Thor und er einfach zu uns. Wir hatten zuvor schon einige Projekte über drei / vier Jahre miteinander gemacht und kannten uns daher also sowohl persönlich als auch musikalisch schon recht gut.


Ihr arbeitet seit 2008 mit dem Label „sena-music“ zusammen. Mir scheint, dass ihr euch seit dem qualitativ sehr gesteigert habt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Zu SENA sind wir über die Tippelbrüder gekommen, die uns diesen Schritt empfohlen haben. Ich habe dann den Chef angerufen und der war gleich ganz angetan. Dass die qualitative Steigerung in Abhängigkeit zu dem Label steht, kann ich nicht bestätigen. Wir haben acht Jahre lang mehr oder weniger nichts dafür getan, um bekannter zu werden. Dann standen wir irgendwann vor der Frage: „Wohin mit Nobody Knows?“ Von da an haben wir uns auch beworben. Dann kam das erste sehr aufwändige Album „we folk YOU“. Dass der Zusammenschluss mit SENA in diese Zeit fällt, ist nicht verwunderlich, da wir uns ja weiterentwickeln wollten. Es besteht aber kein Zusammenhang zwischen SENA und unserer Qualität.


Ich hab ja in unserem CD-Tipp meine Coverdeutung geäußert. Lag ich damit richtig oder was habt ihr euch dabei gedacht?

Ich mag die Interpretation von dir: „der kleine (positiv) verrückte Folkkönig erobert mit einfachen, aber sehr effektiven Mitteln die Herzen in aller Welt. Automatisch habe ich dabei das Gesicht des Frontmanns vor Augen.“ Der Albumtitel „folKing around“ stand relativ früh fest. Auf der Frontseite steht „folKing“. Wir wollten uns aber nicht nachsagen lassen, dass wir uns selbst als Folkkönige betrachten, sondern vielmehr dass sich der Sinn des Albumtitels durch Wenden erschließt, denn so wird aus dem „folKing“ ein „folKing around“ – d.h. durch die Welt folkend. Um dem Vorwurf der Folkkönig-Selbstinszenierung zu entgehen, wollten wir ein kindliches Bild. Ausschlaggebend war auch, dass wir mit unserer Musik nichts anderes wollen als ein Weltvergessen und Spaßhaben. Wir wollen mit unserer Musik nicht die Welt verändern, nicht auf politische Missstände oder sozioökonomische Diskrepanzen hinweisen. Wir wollen Spaß haben: Für, vor allem aber mit dem Publikum. Diese nahezu kindliche Leichtigkeit des Seins sollte sich auch im Cover wiederfinden!


Strebt ihr an, die Band zum Beruf zu machen? Könntet ihr allein davon leben?

Momentan ist ein Davon-Leben noch nicht drin. Die Live-DVD hat uns an den Rand des finanziellen Ruins getrieben, aber wir erholen uns langsam wieder. Aber ich bin guter Dinge, dass es in ein paar Jahren so weit sein könnte.  

Hat jemand aus der Band neben eurem Hang zu „Lyrik im Anzug“ noch ein musikalisches Seitenprojekt?

Mein Papa spielt noch in einer Blues-Jazz-Band mit. Maxx beteiligt sich bisweilen an Kompositionswettbewerben und arbeitet mit unserem Webmaster an einem anderen Projekt. Sie waren gemeinsam in Tschernobyl und haben fotografiert. Ronny, unser Webmaster, schreibt dazu einen Bericht und entwickelt die Bilder, Maxx komponiert. Von Thor wüsste ich derzeit kein Projekt. Ebenso von Aron und Georg. Maxx, unser Webmaster und ich haben außerdem noch das Hugo-Projekt, eine literarische Lesung zu „Der letzte Tag eines Verurteilten“ (Victor Hugo), mit Exkursen in die Geschichte und ethischer Legitimation in die Todesstrafe. Dazu kommt eine audio-visuelle Performance. Hört sich wichtig an, meint aber: Musik, Fotoausstellung und Video. Maxx und ich arbeiten außerdem noch an einer Hörbuchproduktion für den Schreibzirkel des Stendaler Winckelmann-Gymnasiums, sowie an einer Art Hörbuch mit Auszügen aus „Der letzte Tag eines Verurteilten“ – dazu gibt es Musik, dich sich anhand der Hauptmotive des Buches entwickelt. Ich spiele noch in der MartinRühmannBand mit und würde gern demnächst mit einem Klezmer-Projekt anfangen. Aber mal sehen. Irgendwie hat der Tag immer nur so wenige Stunden. ?


Habt ihr das Augenzwinkern, welches ihr musikalisch an den Tag legt, auch privat allzeit bereit?

Natürlich! Es geht ja nicht darum, eine Rolle auf der Bühne mehr oder weniger plausibel darzustellen, sondern sich wohlzufühlen. Wenn ich montags bis donnerstags die Studienbank drücke, empfinde ich das Auftreten immer als sehr befreiend. Es ist der Ort, an dem ich mich austoben kann. Und das sowohl in kreativer als auch in physischer Hinsicht!  

Danke für die interessanten Auskünfte!!
« Letzte Änderung: So, 26. Februar 2012, 21:30 von Nimue » Gespeichert
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